Was macht KI mit unserer Teamkultur?

Ein Experten-Interview mit Peter Agha Ebrahim, Führungskraft und Digitalisierungsexperte

Die Erkenntnis ist längst da: KI verändert nicht nur Prozesse und Anforderungen an Skills und Fähigkeiten – sondern hat auch Auswirkungen auf Teamkultur, Vertrauen und Führung. Aber wie genau sehen diese Auswirkungen aus und was können Führungskräfte tun, um KI sinnvoll in ihr Team zu integrieren? Wir haben mit Peter Agha Ebrahim gesprochen, seit 20 Jahren Führungskraft in Konzern- und Mittelstandsstrukturen. Seine Beobachtung: KI ist weniger ein Technologiethema – und viel stärker ein Reifegrad-Thema im Team.

KI und Teamkultur Peter Agha Ebrahim

"Bei manchen Mitarbeitenden entsteht ein Überlegenheitsgefühl: Du chattest noch? Ich vibe-code schon!"

Peter Agha Ebrahim, Führungskraft und Digitalisierungsexperte

yayworks: Peter, du begleitest seit vielen Jahren Teams durch Transformationen. Wie erlebst du aktuell die Einführung von KI-Anwendungen?

Peter: Ich beobachte bei der Einführung generativer KI einen Prozess, der wirklich stark an einen klassischen Hype-Zyklus erinnert. Und ich meine das nicht theoretisch – ich sehe das ganz konkret in Teams. Am Anfang steht Vorsicht. Man testet. Man experimentiert. Man schaut skeptisch drauf – insbesondere Menschen, die nicht besonders technikaffin sind. Und dann kommt sehr schnell diese Euphorie. Und im KI-Fall ist diese Euphorie noch mal extrem ausgeprägt. 


Man bekommt das Gefühl, allwissend zu sein. Die KI beantwortet jede Frage, löst jedes Problem. Ich habe eine Aufgabe, komme nicht weiter – stelle drei oder vier gezielte Fragen – und schon kann es weitergehen. Das fühlt sich nach einem enormen Produktivitätssprung an. 

Und das Gefährliche daran ist: Man ordnet diesen Produktivitätssprung sich selbst zu und "verkauft" die Leistung der KI als eigene Errungenschaft. Da kann sogar ein Überlegenheitsgefühl anderen gegenüber entstehen. Nach dem Motto: „Du chattest noch? Ich vibe-code schon meine eigenen Tools.“ Das ist eine Phase, die ich gerade sehr deutlich beobachte. 

Und dann – wie im Hype-Zyklus üblich – kommt die Ernüchterung. Ich denke, die meisten haben schon erlebt, dass die KI am Ende eines langen Dialogs zugeben muss, dass sie Quatsch erzählt hat. Teilweise schon bei erschreckend einfachen Aufgaben. In diesen Momenten realisiert man, dass die Qualität des Ergebnisses nach wie vor doch noch kritisch hinterfragt werden muss. 

Idealerweise endet dieser Prozess in einer professionellen Phase, also dem bewussten Einsatz der KI mit all ihren Vorteilen, aber auch der nötigen Vorsicht und Evaluierung. 


Das Entscheidende ist: Dieser Prozess verläuft individuell. In einem Team sind Menschen gleichzeitig in völlig unterschiedlichen Stadien. Und genau daraus entstehen neue Dynamiken. 

KI im Team: Rollen, Verantwortung und psychologische Sicherheit

yayworks: Was passiert konkret im Team, wenn diese unterschiedlichen Reifegrade aufeinandertreffen?
 

Peter: Zunächst entsteht eine Dynamik, die einerseits Veränderung und Fortschritt ankurbeln und andererseits Reibung erzeugen kann. Wenn einige schon euphorisch oder experimentell unterwegs sind und andere noch vorsichtig, dann entsteht schnell ein „Ich bin weiter als du“ – also das bereits erwähnte Gefühl von Überlegenheit. Ich habe sogar erlebt, dass Kolleginnen und Kollegen andere belächeln oder belehren. Da entsteht ein Kompetenzanspruch, der aber nicht auf echter Expertise sondern auf technologischer Frühadaption basiert. 

Und dann kommt ein zweiter wichtiger Punkt hinzu: Rollenverwischung. KI senkt die Eintrittsbarrieren in fremde Disziplinen dramatisch. Plötzlich kann jeder Texte schreiben. Jeder kann Bilder generieren. Jeder kann kleine Tools programmieren. Das ist einerseits befreiend. Andererseits kann das Beziehungen in Teams massiv negativ beeinflussen. Da passieren Übergriffe in fremde Fachbereiche, die den gegenseitigen Respekt bedrohen

yayworks: Hast du ein Beispiel für diese Rollenverschiebung?
 

Peter: Ja, den Klassiker aus dem Marketing. Ein Produktmanager generiert eigenständig Kampagnen-Visuals per KI und informiert die Kreativabteilung nur noch, dass er diese jetzt verwenden wird. Aus seiner Perspektive ist das effizient – geht so doch viel schneller. Aus Sicht der Kreativen ist es eine Rollenanmaßung


Es geht hier nicht um die Frage, ob das Visual hübsch aussieht. Es geht um CD-Konformität, strategische Positionierung, Markenattribute, Farbwelten – Dinge, die mit jahrelanger Expertise verbunden sind. 

Oder im IT-Bereich

Eine Kollegin aus der Buchhaltung entwickelt per KI ein internes Tool zur Reisekostenabrechnung und sagt: „Sonst hätte ich acht Monate auf die IT gewartet.“ Das mag beeindruckend sein. Aber Datenschutz, Security, Systemarchitektur – das sind keine Nebenthemen. 

Und zusätzlich verstärkt sich der Druck, die eigene Relevanz zu beweisen. KI löst ohnehin bei manchen die Sorge aus: „Ersetzt sie meinen Job?“ Wenn dann noch ein Kollege mithilfe von KI scheinbar schneller und besser arbeitet, entsteht ein zweiter Druck: Nicht nur die KI ersetzt meinen Job – sondern der Kollege oder die Kollegin, der oder die sie besser nutzt. Das kann Vertrauen massiv beeinträchtigen. 

KI im Team Vertrauen stärken

"Wenn man Rollen sauber klärt und Verantwortung bewusst im jeweiligen Fachbereich lässt, kann KI Verständnis fördern und Vertrauen stärken."

Peter Agha Ebrahim, Führungskraft und Digitalisierungsexperte

yayworks: Auf der anderen Seite ist Vertrauen der zentrale Baustein für psychologische Sicherheit im Team. Gibt es auch ein Szenario, in dem KI sich stärkend auf Vertrauensverhältnisse auswirken könnte?


Peter: Auf jeden Fall! Nehmen wir wieder das Marketing-Beispiel. Der Produktmanager, der Visuals erstellt hat, musste sich plötzlich mit Markenrichtlinien, Bildsprache, strategischer Positionierung auseinandersetzen. Er hat in eine fremde Domäne hineingeschnuppert. Und im Austausch mit der Kreativkollegin merkt er irgendwann: Meine Visuals sehen vielleicht ganz gut aus – aber da steckt noch viel mehr dahinter. 

Und dann kommt der entscheidende Moment: „Weißt du was? Das überlasse ich dir.“ In diesem Moment wird Vertrauen gestärkt. Er hat durch die KI einen Einblick in die Arbeit der Kollegin bekommen, den er vorher nicht hatte. Er versteht ihre Komplexität besser. Wenn man dann Verantwortung bewusst wieder bei der Fachexpertin belässt, kann KI Verständnis fördern – statt es zu zerstören.

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass das KI-generierte Ergebnisse ohne die dazugehörige Fach-Expertise eine Black Box sind. Ich kann sie benutzen – aber ich kann nicht abschließend beurteilen, ob sie wirklich gut sind. Dafür brauche ich die Kompetenz aus dem entsprechenden Fachbereich. 

KI und Führung: Worauf kommt es an?

yayworks: Was bedeutet das für Führung in Zeiten von KI?

Peter: KI ist ein Brennglas für bestehende Führungsphilosophien. Eine hierarchisch geprägte, kontrollorientierte Führung wird durch KI ihre Brisanz verstärken. KI kann durchaus als Machtinstrument genutzt werden– etwa indem Führungskräfte mit ein paar Prompts vermeintliche Expertenlösungen generieren und dem Team vorhalten. Die Versuchung ist groß, mal eben ins operative Geschehen einzugreifen und Probleme kurz selbst zu lösen. Dann eskaliert das Thema Micromanagement massiv.

Eine auf Empowerment basierende Führung hingegen kann diese Transformation produktiv nutzen. 

yayworks: Wie muss Führung konkret aussehen, damit die KI einen Platz findet, der die Organisation wirklich stärkt?

Peter: Aus meiner Sicht eignet sich in der KI-Transformation das VACC-Prinzip besonders gut, um die „Kollegin KI“ gut zu integrieren. VACC steht für Visionary, Architect, Catalyst, Coach. 

Als Visionary ist meine Aufgabe, mit dem Team zu klären, was der Sinn und Zweck der KI bei uns ist. KI darf kein Selbstzweck sein. Wir müssen wissen, wofür wir sie einsetzen. Schneller werden? Bessere Qualität? Mehr Innovationskraft? Diese Zielklarheit motiviert die Skeptischen, sich mit dem Thema zu befassen und sorgt für den nötigen Fokus bei den Euphorischen.

Als Architect achte ich darauf, dass es klare Spielregeln gibt. Wo darf KI eingesetzt werden? Und noch viel wichtiger: Ich muss Klarheit über Rollen und Verantwortungsbereiche schaffen. Auch wenn die KI die Erstellung von Ergebnissen demokratisiert, muss die Verantwortung bei den richtigen Leuten mit den richtigen Kompetenzen liegen. Diese Grenzen muss Führung aktiv schützen.

Als Catalyst sorge ich dafür, dass Wissen ausgetauscht und das Adaptionsgefälle abgeflacht wird. Nicht alle sind gleich schnell. Nicht alle sind gleich begeistert. Es braucht Weiterbildung, Austausch, vielleicht Patenschaften. Wir haben es mit einer disruptiven Technologie zu tun – und die muss geschult werden, damit KI kein Statussymbol wird.

Und als Coach begleite ich Mitarbeitende in ihrem jeweiligen Reifegrad. Egal, ob sie gerade in der Skepsis, der Sorge, der Euphorie oder sogar in der Überheblichkeit stecken: Das sind normale Entwicklungen, die Reflexion brauchen.

Und ganz wichtig: Führung darf selbst nicht in die Euphoriefalle tappen. Nur weil ich mit KI gute Ergebnisse erziele, habe ich nicht automatisch die Expertise des Fachexperten. Diese Demut ist entscheidend.

yayworks: Was glaubst du, wo stehen wir in einem Jahr?

Peter: Prognosen sind schwierig, weil die Geschwindigkeit enorm ist. Ich glaube, wir sind gesamtgesellschaftlich noch im Euphoriebereich. Meine Hoffnung ist, dass wir in eine nüchterne, zielorientierte Nutzung kommen. KI bietet enorme Potenziale – wir müssen sie geschickt und zielgerichtet mit unserer menschlichen Kompetenz und Expertise kombinieren, um dieses optimal auszuschöpfen.

yayworks: Vielen Dank für deine Zeit, Peter!

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